Handbuch Weltuntergang: Weiter so!

Zweifellos richtig: „There Are No Jobs On A Dead Planet“ – Der Mars
(ESA & MPS for OSIRIS Team MPS/UPD/LAM/IAA/RSSD/INTA/UPM/DASP/IDA, CC BY-SA IGO 3.0)

Auf der Zielgeraden braucht man nur noch geradeaus zu laufen. Denken wir das mal zu Ende.
Ein Essay von Marc Pendzich.


Vorwort zum Vorwort

Der Begriff „Weltuntergang“ verstört. Seien wir realistisch: Auch bei einem Weiter so geht die Welt nicht unter. Aber die Zivilisation. Und das ist für uns Menschen letztlich das Gleiche.

  • Weltuntergang… Wie anders soll ich es nennen, wenn zu Lebzeiten jetzt lebender Menschen potenziell neun von zehn Milliarden Menschen der Tod (=Untergang) droht?
  • Finden Sie den Begriff „Weltuntergang“ wirklich over the top? Oder… denken Sie, ich übertreibe?
  • Weltuntergang… Apokalypse… jüngster Tag… Sollte ich etwa Anhänger einer Sekte sein? (Die Antwort lautet in einem Wort: Nein. Es gibt Weniges, was mich persönlich mehr langweilt als Sekten und Religionen. Autos und Zigaretten vielleicht… Als Wissenschaftler stehe ich geistig auf einem naturwissenschaftlichen Fundament. Mein Mitgefühl gehört denjenigen, die sich in einer Sekte verfangen haben, sich dort unwohl fühlen und nicht mehr hinausfinden.)
  • Ich übertreibe also? So schlimm wird’s schon nicht werden? Sind Sie sich da ganz sicher? Sind Sie vom Fach? Fachfrau? Fachmann? Nehmen Sie für sich in Anspruch, es besser zu wissen? Haben Sie sich jemals ernstlich mit Klimakrise und Massenaussterben auseinandergesetzt? Einen IPCC-Bericht gelesen? Würden Sie für Ihr Besserwissen Ihre Hand ins Feuer legen?

Wenn ich den Begriff „Weltuntergang“ verwende… Da kommt doch Beklemmung auf, das darf nicht sein, das kann nicht sein, weil es nicht sein darf?

„Weltuntergang“ – Sie meinen, das sei zu plakativ? Ich versichere Ihnen, dass das Grauen, dass da ohne massive Kurskorrektur auf uns wartet, reichlich plakativ sein wird! Und Feingefühl, Rücksichtnahme in der Wortwahl, „immer positiv an die Sache rangehen, weil sonst macht man den Menschen Angst“… nun, was hat das gebracht, wem hat es genützt? Na also. Angst machen möchte ich auch nicht, das ist nicht mein Ziel, daraus ziehe ich keinen Selbstwert – aber ein Blatt vor den Mund nehmen? Nee.

Fühlen Sie sich vom Begriff „Weltuntergang“ in Ihrem Weltbild gestört? Das tut mir nicht leid. Die Zeit der schönen Worte ist vorbei angesichts des angekündigten Zivilisationsabsturzes, gegen den der entsetzliche, viel, viel Leid und Tod bringende Putin-Krieg allenfalls… ich mag hier keinen Vergleich anstellen. Weil das Leid eines jeden einzelnen Menschen zählt. Leid ist nicht quantifizierbar. Jedes Leid ist zu vermeiden. In der Ukraine und überall. Heute und in Zukunft. Und wenn der Preis dafür lautet, dass man nicht mehr zu den Klima-Leidtragenden in die Sommerfrische hinfliegen kann, dann ist das so.

Ich hatte überlegt, dieses Buch Handbuch Enkeltod zu nennen. Das jedoch wäre sachlich falsch: Ihre Kinder1 sind es, die betroffen sind. Als Bürger*innen des Globalen Nordens mutmaßlich nicht direkt durch Wasser, Dürre oder Hunger – aber indirekt durch gesellschaftliche Verwerfungen, Gewalt, weltweite Missernten, Extremwetterereignisse, mangelnde Hygiene nach Katastrophen, durch eine schlechtere medizinische Versorgung sowie durch eine kürzere Lebenserwartung. Von der Psyche will ich hier gar nicht erst anfangen.

Details: Erläuterungen zu (1)

Auch „Kinder“ trifft es nicht präzise. Das ist nur eine grobe Einordnung. Mir ist logischerweise gänzlich unbekannt, in welchem Lebensabschnitt Sie sich befinden. Zudem unterscheiden sich unser aller Lebenswege massiv hinsichtlich der Frage, ob, wann, wie viele, in welchem Abstand wir Kinder haben, die wiederum möglicherweise oder auch nicht zu verschiedenen Zeitpunkten in unterschiedlichen Abständen Kinder bekommen.
Und wenn Sie Ihre familiäre Betroffenheitskaskade einmal für sich kurz klargezogen haben, schlage ich vor, diese persönliche und eurozentristische Sichtweise über Bord zu werfen: Im globalen Süden ist die existenzielle Ökokatastrophe heute schon Alltag: 

Dem fallen gelassenen Buchtitel Handbuch Enkeltod mangelt es zudem an Respekt gegenüber all denjenigen Menschen im Globalen Süden, deren Welt schon jetzt untergeht und was mit Flucht, Krankheit und Tod einhergeht.

Tatsächlich geht die Welt bereits unter – gerade jetzt, in diesem Moment. Nur eben (noch) nicht direkt vor Ihrer Haustür. Doch schon ein paar Kilometer weiter, im Ahrtal, ist nächstes Jahr definitiv kein Hotelzimmer für Sie frei.

Übrigens:

  • Falls Sie für dieses Handbuch Weltuntergang einen besseren Titel parat haben, freue ich mich auf Ihre Nachricht.
  • Wenn Sie dieses Buch ganz anders geschrieben hätten: Machen Sie’s besser und schreiben selbst eines.

Es bleibt also vorläufig beim Handbuch Weltuntergang. Letzterer ist nicht unausweichlich – noch können wir die den Lauf der Dinge entscheidend abmildern. Doch bei einem Weiter so ist der Kollaps der Zivilisation nunmehr fest in die Menschheitsgesellschaft einprogrammiert. Ob es dazu kommt, liegt an an uns allen, an Ihnen & auch an mir. Die Zeit der leeren Worte, der Beschwichtigung, der Verharmlosung – sie ist vorbei. Denken wir das mal zu Ende: Zeit für Tacheles.

Ich erteile zunächst den Weiter-Sos das Wort. Ich komme dann im Nachwort wieder auf Sie zu.

Marc Pendzich.


Vorwort: Weiter so! Wir sind auf der Zielgeraden.

Die Menschheit hat Jahrtausende gebraucht, um endlich so weit zu kommen. Und seit etwa 200 Jahren setzen wir, die Bewohner*innen der frühindustrialisierten Staaten, uns Generation für Generation mit all unserer Kraft unermüdlich dafür ein. Untertage. Per Fracking. Im Tagebau. Zu Wasser auf Bohrinseln – und in der Luft mit täglich Abertausenden von Kerosinbombern. Es hat ohne Ende Energie und Gelände gekostet, kein Preis war uns zu hoch… Viele Kriege um Öl, um Macht und um gar nichts wurden geführt, ganze Weltkriege sogar – Hass breitete sich aus – und ungezählte Menschen haben auf diesem Weg für uns ihr Leben gelassen.

Aber jetzt. Es ist wirklich aufregend, dabei sein zu dürfen – wir, ausgerechnet unsere Generationen, Sie und ich, kommen in diesen Jahren der Sache endlich näher, sie erscheint nunmehr deutlich sichtbar am Horizont: Wir biegen heute, nach rund 200 Jahren Dauerfeuer, final auf die Zielgerade ein.

Und auf der Zielgeraden muss man bekanntlich nur noch weiter geradeaus laufen.

Die gute Nachricht lautet also, dass wir keine weiteren Anstrengungen mehr unternehmen müssen: Für einen veritablen Weltuntergang brauchen wir nichts weiter zu tun, als genauso Weiter So zu machen wie bisher. Easy going, let it flow, happy deathday: Nur eine umfassende, rasche, fast alles umwerfende gesellschaftliche Transformation könnte noch etwas ändern am geradeaus vor uns liegenden Verlust der globalen Zivilisation. Die Störfälle von Fridays For Future, Extinction Rebellion (XR), Letzte Generation, Ende Gelände und wie sie alle heißen mögen – diese kleine Rebellenschar inmitten des ökozidalen Imperiums, das einen veritablen Todesstern zu bauen im Begriff ist – diese nervigen kleinen Trolle haben kaum noch eine Chance gegen uns:

  • Wir brauchen die Sache nur noch auszusitzen, unserer schreibtischlichen Funktionärstätigkeit nachzugehen und Dienst nach Vorschrift zu machen.
  • Wir können unsere private Meinung an der Garderobe abgeben, mit Wonne unser persönliches Hamsterrad in Gang halten, unsere Ohren auf Durchzug stellen und XR’s widerlich-Konsumismus-verachtenden Vorschläge wie Teflon an uns abprallen lassen…

Ja, wir sind mächtig, wir können sie am ausgestreckten Arm verhungern lassen.

Wir Weiter-Sos, die Alten & Bequemen, sitzen am längeren Hebel, am längeren Hebel der Demokratie, denn wir Altquemen sind in der Mehrheitund wenn wir Bequemen keine Zukunft wollen und wir Alten keine Zukunft mehr haben, warum sollte es den Anderen besser gehen?

Es braucht immer einen Mutigen, der die Wahrheit ausspricht: Wenn wir die Wahl haben zwischen

  • Veränderungz.B. VeggieDays, Fahrrad, Bus & Bahn – auch auf dem Lande, mehr Eigenzeit, Zeit für Freundschaften, keine Zoonosen, weniger Stress, Parität der sozialen Geschlechter, Sommerferien im Harz, Städtetrip nach Paris, keine Diabetes oder Fettleibigkeit, weniger Keller-Entrümpelungen, keine Drittwagenreparaturen, Pflegepersonal mit Zeit, Kitaplätze für alle Kinder, verpackungsfreies Einkaufen, mehr globale Gerechtigkeit, keine faktische Sklaverei, keine Kinderarbeit, mehr Insekten, Regenwürmer, Schmetterlinge und Singvögel sowie sauberes Trinkwasser, Mikropartikel-freie Luft und auch weiterhin Gesundheit für unsere (Enkel-)Kinder

und

  • Weiter so z.B. Weltuntergang bzw. Zivilisationsverlust, keine Bundesliga, keine Saugroboter, Milliarden Tote und viele, viele freie Parkplätze,

dann ist doch klar, wofür wir uns entscheiden: Weiter so.

Wir leben in einer Demokratie! Wo kämen wir denn hin, wenn wir sämtliche Partikularinteressen von Menschen bar jeglicher Lebenserfahrung bedienen würden? Überleben als Forderung an uns, herangetragen von jungen Menschen, die noch keinen Pfennig an Steuern bezahlt haben… OMG… Selbst unter den Jungen sind längst nicht alle Ökos…

Ihr Halbstarken seid nichts weiter als Störfaktoren unseres sauerverdienten Wohl- und Ruhestands. Solange Ihr Eure Füße unter unseren Tisch steckt! Wenn Ihr Störfälle unbedingt überleben wollt, wenn Ihr unsere jahrhundertelangen und bis zum heutigen Tag andauernden Anstrengungen, jedes Jahr die fossile Energie von einer Million Sonnenjahre zu verbrennen und in die Atmosphäre zu bringen, zunichte machen wollt, dann verschafft Euch erstmal ’ne Mehrheit. DAS ist Demokratie. Die Mehrheit c’est moi – und „moi“ sind wir Alten – und die übrigen Bequemen.

Kreuzfahrt oder Enkel, das kann hier nicht die Frage sein? sagt Ihr Jungen. Und Ihr habt recht: Kreuzfahrt oder Enkel – das ist hier tatsächlich nicht die Frage, denn ganz entschieden demokratisch ist die Sache klar: Kreuzfahrt! Wenn Ihr entgegen der Auffassung der demokratischen Mehrheit überleben wollt, dann ist das Ökodiktatur.

Wir wollen genau ein Tempolimit: Es bedarf eines Tempolimits für Veränderungen!

Aber… was rege ich mich auf.

Wir, die Älteren, die Bequemler*innen, wir können die Hände in den Schoß legen. Es läuft von ganz allein darauf hinaus. No action needed. Einfach Weiter so.

Weiter so hat viele Vorteile für uns Weiter-Sos. Beispielsweise können wir unser Leben weiterhin krachend weiterfeiern, noch weiter weg fliegen, weiter kreuzfahrten, weiter den Konsum konsumieren, während wir uns weiterhin über unsere Kinder und Enkel*innen freuen, die das wichtigste für uns überhaupt sind, die uns so viel bedeuten, dass wir wirklich alles für sie tun würden, das letzte Hemd würden wir geben für sie, einfach toll, wie sie vertrauensvoll zu uns aufblicken und uns eines Tages die Hand halten werden, wenn wir nicht mehr können… – ich schweife ab…

Weiter so. Wir können in den nächsten paar Jahren weiter so unser Leben feiern, z.B. in dem wir

  • auch im Januar erderwärmungsgerecht in Badehose grillen – und als Nachtisch frisch eingeflogene Grönland-Erdbeeren genießen
    >> sozialversicherte Näherinnen-Arbeitsplätze in Bangladesh! Endlich Arbeitsplätze in Grönland! Arbeitsplätze bei DHL & Co
  • auf Kreuzfahrt gehen – und, bitte, macht es nicht ohne… Zubringerflüge, denn erst die bringen unsere Ökobilanz so richtig auf Touren in Sachen CO2 (=christlicher Sauerstoff mit Dopplereffekt für besondere Nähe zum Paradies)
    >>Vollzeitarbeitsplätze für Philippinerinnen und Philippiner
  • Fliegen, Fliegen und an die Wirtschaft denken, sowie dabei vielen Menschen global Arbeitsplätze schenken
    >> Flughafen-Angestellte, Stewardessen, Sicherheitspersonal, Ingenieure, Piloten, Zulieferer, Zulieferer der Zulieferer, sowie global gedacht Kofferträger und Schuhputzer etc. pp.
  • uns am vielfältigen Produktangebot aus weltweiter Kinderarbeit erfreuen (Learning by Doing! = ebenfalls Arbeitsplätze, sonst streunen die noch herum und kommen auf Droge!).

    Kinderarbeitsplätze stecken fast in allen Dingen drin, die Sie konsumieren, d.h. in Ihrer Schokolade, Ihrem Kaffee, Ihrem Tee, Ihrem Smartphone, Ihrem Tablet, Ihrem Laptop, in Ihren Drittgeräten, Ihrem Auto, dem Zweitwagen und selbstverständlich auch – das ist ja bekannt – in Ihrem T-Shirt.

    Nun stellen Sie sich mal vor, wo wir hinkämen in einer Welt ohne Konsumismus, patriarchale Unterdrückung, Ausbeutung, Kinderarbeit und faktischen Sklaven.

Und wir können weiter so unser Leben feiern, in dem wir

  • als Steakholder*innen reichlich Fleisch und Fisch essen (Arbeitsplätze in der Tierwohlindustrie zu Wasser und zu Land! Sonst gäbe es die armen Tiere gar nicht!) bis uns eine Zivilisationskrankheit (Krankenhaus-Arbeitsplätze!) zu schaffen macht oder uns eine Antibiotikaresistenz (Pharma-Arbeitsplätze!) dahinrafft (Arbeitsplätze für Bestatter und Friedhofsgärtner) – sterben müssen wir sowieso, und wenn wir mit unserem möglichst langen Krankheitsweg dabei sogar noch Arbeitsplätze schaffen, sterben wir für einen guten Zweck.

Und, ach ja, das Wichtigste in Ihrem und meinem Leben hätte ich beinahe vergessen: Wir sollten das Leben feiern, ja, wir sollten es nachhaltig zelebrieren, in dem wir

  • Arbeiten, arbeiten, arbeiten (unser eigener Arbeitsplatz!), damit wir nicht am allerletzten Tag unseres Lebens sagen müssen: ‚Ich wünschte, ich hätte mehr Geld, Arbeit & Laptops gehabt.‘

Der von mir gewählte Buchtitel „Handbuch Weltuntergang“ ist übrigens stark übertrieben.

Bedauerlicherweise gerät die u.U. präzisere Bezeichnung

„Handbuch Zivilisationsverlust mit Milliarden Toten verursacht durch HöherSchnellerGrößer, Klimakatastrophe und Massenaussterben – jetzt noch schneller

etwas unhandlich. Ich finde ihn langweilig-unspektakulär. Wissen wir doch eh alle.

Der Titel

„Nach uns die Sintflut“

wäre ebenfalls zu sperrig gewesen…

Fakt ist: Mit dem Keyword „Weltuntergang“ triggere ich, verstöre ich, lasse ich aufmerken, d.h., ein so betiteltes Buch verkauft sich definitiv besser. Und es geht doch immer um das Verkaufen, oder? (Arbeitsplätze!). Geld verdienen mit dem Weltuntergang – mit einem Buch, statt mit Öl: Das ist smart. Das ist Kapitalismus.

Indes ist die Nachricht von unserer aller Tod stark übertrieben.

Und der Planet bleibt sowieso erhalten.


Nein, verehrte Generationsgenossinnen und Generationsgenossen, wie eingangs schon kurz angerissen: Die Menschheit wird nicht aussterben. Sogar die weniger optimistischen Studien gehen davon aus, dass etwa eine Milliarde Menschen überleben werden. Von etwa neun oder zehn. Eine Milliarde! So viele! Ich bin also zuversichtlich, dass Ihr persönliches (Enkel-)Kind, das ja in einem hochentwickelten Land lebt – in einem Land, das zweifellos bereits in wenigen Jahren wohlbehütet-abgeschottet von einem antiglobalen Schutzwall umgeben sein wird –, zu den Menscheits-Überlebenden gehören wird.

…mehr

Statistisch gesehen. Individuell gesehen, können Sie das besser einschätzen als ich – was weiß ich denn, womit sich ihr (Enkel-)Kind in seiner schwächlichen Existenzangst möglicherweise die Birne wegraucht?  

Es ist eine Frage der Perspektive. Schauen Sie, Ihr (Enkel-)Kind gehört mit sehr guter Chance zu der Gruppe der einen Milliarde Great Survivors.

Und dann ist doch alles in Ordnung, Sie haben alles richtig gemacht. Ihr (Enkel-)Kind wird sich glücklich schätzen, als Angehörige*r der Milliarden-Crowd logischerweise über die materiellen Schätze von zehn Milliarden Menschen verfügen zu können. Die Kids und Enkelkids von heute werden zukünftig folglich neun Mal so reich sein wie wir jetzt. Stellen Sie sich vor: Sie könnten 18 Autos haben statt zwei. Und neun Smartphones statt einem. Pro Jahr. Und auf Tinder werden ihre Chancen steigen, weil es weniger Konkurrenz gibt.

Ich fasse zusammen: Wenn wir jetzt alles so lassen, wie es ist, keinen Finger rühren, die menschlichen Jung-Störfälle entstören und ihre sentimental-irrationalen Proteste knallhart und konsequent ins Leere laufen lassen, sie lächerlich machen, ihnen Sozialismus-Kommunismus-Maoismus-ismus unterstellen und ihnen vorwerfen, dass wir Europäer*innen ihrer Ansicht offensichtlich wieder auf Bäumen leben sollen (die es gar nicht mehr geben wird! Ihr Grünen seid echt doppelt doof!) – dann werden unsere survivorierenden (Enkel-)Kinder mutmaßlich viel besser dastehen als wir jetzt.

Wie? Wie meinen Sie das: „… und die anderen Menschen, die nicht überleben?“ – Die Antwort ist simpel: Die merken das dann ja nicht mehr.

„Sie fragen nach der Psyche der Überlebenden?“ – Wissen Sie, meine Mutter hat immer gesagt: „Man wächst mit seinen Herausforderungen. Der Mensch ist wahnsinnig anpassungsfähig.“

Und damit der konsumentengerechte Wachstumspfad zur optimiert-freiheitlichen Welt der zukünftigen Zukunft unserer (Enkel-)Kinder auch garantiert, stringent, konsequent, demokratisch, rechtssicher, streng-lobbyistisch und unter Einhaltung der drei K’s [Kinder, Küche, Kirche] sowie der Schwarzen Null weiterverfolgt wird, wählen Sie bitte alle die Union. Das sind nämlich Christen. Steht ja schon im Name.

Mir ist derweil ein schöner Slogan für die von christlichen Werten tief geprägte christliche Partei des christlichen Fortschritts eingefallen: „Union – keine Experimente: vereint in den Untergang.“

Ok, ich eskaliere… too much information, und dabei bildet doch alles bisher Geschriebene lediglich das Vorwort dieses Handbuchs Weltuntergang… Doch gestatten Sie mir noch einen weiteren Gedanken:

Wissen Sie, was so fantastisch ist an unserem Rechtsstaat und an unserer Demokratie?

Kein Tempolimit trotz Mehrheit pro Tempolimit? Nein. Das meine ich ausnahmsweise nicht.

Nee, fantastisch ist, dass ich die Freiheit habe, meine Meinung jederzeit frei zu äußern – und dass der Rechtsstaat eben ein solcher ist und ich somit nicht eingebuchtet werde, wenn ich mich mal politisch (!) inkorrekt äußere. Ich kann öffentlich laut aussprechen – ja, laut rufen, brüllen, zum Megafon greifen und per Lautsprecherwand auf dem Marktplatz verlauten lassen –, dass ich die Arbeit der börsennotierten Anwaltskanzlei Lindner & Scholz scheiße finde. Das ist Freiheit.

Freiheit, durch Rechtsstaat und Demokratie garantiert, ist wichtig. Haben Sie mal überlegt, wie es wäre, wenn Sie, wie ein guter Teil der Menschheit, in einer Diktatur leben würden? Sie also täglich abgeholt werden könnten? Weil Sie gegen ein Autobahn-Tempolimit waren und Ihr Fahrrad-fahrender Nachbar diese Information an den Hauswart weitergereicht hat?

Deshalb würde ich gern die Ökodiktatur, bei der ich auf Bäumen wohnen müsste, obwohl es keine Bäume mehr geben wird, verhindern wollen. Never forget:

Tempolimit ist Ökodiktatur. „Malle ohne alle“ ist Ökodiktatur. Das Verbot von Weltraumtourismus ist Ökodiktatur. Walfangverbote sind Ökodiktatur. Gendersternchen sind Ökodiktatur (und hier im Text nur enthalten, damit mich die Jungwähler*innen überhaupt verstehen). VeggieDay ist Ökodiktatur. Windräder sind Ökodiktatur. Glyphosatfreies Gemüse ist Ökodiktatur.

Und auch das wird man ja mal sagen dürfen: Ich habe verdammt noch mal das Recht mich jederzeit und überall – wann, wie, wo immer ich will – … habe ich das Recht mich totzuessen, totzusaufen, totzurauchen, totzufahren – wer will mir das verbieten? Auch das wäre: Ökodiktatur. Alles Ökodiktatur. Alles.

Freiheit bedeutet – und wie sollte man sie anders definieren –, nicht länger durch teuflische Veränderungsdesiderate aggressiver Linkspolitikerinnen in ökologischem Sackleinen drangsaliert zu werden. What Do You Want? Climate Change. When do you want it? Now. Die Rechnung ist einfach: Weltuntergang = 18 SUVs statt zweien. Ein Träumchen. Neidisch könnte man werden auf die jungen Leute. Wir Älteren sind die Opfer! Wir bringen Opfer. Denn wir werden sie nicht miterleben, die unendlichen Sommerabende… In der Elbe baden im Februar, frischer Blattspinat aus der Antarktis… Also, Ihr Lieben, alles Gute für die Zukunft, die wir Euch bereitet, toi, toi, toi – hoch die Hände und gebt uns Five: Wir machen den Weg frei. Für Euch, für die eine Milliarde Winners, take it all! Nehmt Kohle, Öl, Atom, dann geht das schon: Vorsprung durch Technik – dann geht’s noch schneller. Tempo statt Limit. Steuerrad statt Windrad. Auto statt Bahn. 800-Euro-Grills per Hartz-IV-Gutschein. Und jetzt ein kleines Freiheits-Steak. Für 90 Cent.

Habt Spaß!

Ihr/Euer
hcizdneP craM.

>> nächstes Kapitel: Neu ist immer besser: Wohnen und Bauen auf weiter Flur gegen die Uhr.


Inhaltsverzeichnis Handbuch Weltuntergang

  1. Neu ist immer besser: Wohnen und Bauen auf weiter Flur gegen die Uhr.
  2. Geballte Energie: Die Zukunft des Steckdosenstroms.
  3. Alles aus einer Hand: Die Zukunft der globalen Fertignahrung.
  4. Grüner wird’s nicht: Pkw-Verkehr und erfolgreiche Bodenversiegelung.
  5. Reisen im Alter: Die Zukunft des Rollator-Fliegens und des Zu-Kreuzfahrtschiffen-kriechens.
  6. Glypho-Saat: Die Zukunft der bodenlosen Agrargenetik.
  7. Gut gebrüllt: Die Zukunft der hodenlosen Schlachtviehindustrie.
  8. Klima-Chancen: Immer gutes Wetter. Über Extremwetter & Co.
  9. Konkurrenzlos glücklich: Artensterben leicht gemacht.
  10. Der Enkel-Trick: Die Verneunfachung des Reichtums der verbleibenden Gesamtmenschheit.
  11. Keine Arbeit für niemand: Weshalb Zivilisationsverlust mehr Eigenzeit bedeutet.